Am 30. november 1939 -- heute vor 50 jahren -- steht ein unterleutnant im dichten schneefall auf der Karelischen Landzunge und sieht eine endlose reihe vollbeladener fuhrwerke mit kindern, hausrat und vieh vorbeiziehen. Oben in der grauen luft dröhnen die sowjetischen bomberflotten und im osten ist der widerschein brennender höfe an der grenze zu sehen. Früh am morgen hatte die Rote Armee ohne vorhergehende kriegserklärung Finnland überfallen. Am abend schreibt er resigniert in sein tagebuch:
»Also doch krieg. Keiner hat wohl wirklich geglaubt, dass es so ausgehen würde.«
Nein, es waren wohl wenige, die wirklich damit gerechnet hatten, dass es auf diese weise ausgehen würde, sowohl auf finnischer wie auf sowjetischer seite. Der Winterkrieg hatte begonnen. Er entsprang aus sowjetischen forderungen nach militärbasen und land in Finnland. Stalin hatte geglaubt, es würde reichen, die stimme etwas zu heben und die Finnen rollten sich auf den rücken und spielten toter mann -- genau wie es die drei baltischen staaten jüngst getan hatten, als sie vor die gleichen forderungen gestellt wurden. Und viele in der finnischen staatsführung glaubten, das gepolter der sowjetischen machtmogule seien nur leere drohungen und sagten halsstarrig nein.
Hinter dem ganzen lag eines der perfidesten aktenstücke, die unsere modernen geschichte kennt, nämlich der Molotow-Ribbentrop-Pakt und sein heimliches Zusatzprotokoll -- dessen existenz in der Sowjetunion jetzt zugegeben wird. Dieses stalinistisch-nazistische heftige schmusen machte aus dem Baltikum und Finnland eine sowjetische »interessensphäre« und bahnte den weg für den krieg.
Die sowjetischen ansprüche an Finnland wurden mit sicherheitsaspekten motiviert -- man wollte vor allem Leningrad vor angriffen schützen -- aber das waren ersichtlich nur vorwände für einen brutalen expansionismus. Sobald der angriff begonnen hatte, war statt dessen sofort die rede davon, Finnland zu »befreien«. (Das alte sowjetische propagandabild des krieges hat, wie Harry Järv in einem sehr interessanten artikel in der letzten nummer von Fenix zeigt, selbst im osten angefangen zu bröckeln. In der selben nummer gibt es einen guten aufsatz eines sowjetischen historikers namens Semirjaga, der das belegt.)
Der zitierte unterleutnant, der im schneetreiben stand, heisst Martin Lönnqvist, ein landarbeitersohn aus Esbo, und sein tageboch aus dieser finsteren zeit ist dieser tage unter dem titel »So war es -- Tagebuch eines Frontkämpfers 1939-1944« herausgegebn worden. Lönnqvist nahm sowohl am Winterkrieg als auch am Fortsetzungskrieg als infanterist teil und wurde mehrfach verwundet. Die ganze zeit machte er aufzeichnungen. Was dem leser darin begegnet, ist eine art pointilistisches bild des krieges, fern von pfeilen, faktoren der grossen geschichte und anderem generalstabsgefasel, in dem alle begründungsversuche weggewischt sind. Trockene, sachliche notizen über beschäftigung mit dem essen und latrinenbesuche sind vermischt mit knappen kleinen skizzen von stillen patrouillenfahrten und handgranatenangriffen. Was uns begenet, ist der hässliche und verwirrte alltag des einfachen soldaten, »diese unwirklich andere welt«, wie Lönnqvist schreibt, in der das thermometer bei -51 grad festfriert
und die russischen verwundeten ihren hoffnungslosen, schreienden kampf draussen in einem weissen und frostigen niemandsland führen.
Das, was dieses dokument vor allem anderen zu einem so ergreifenden leseerlebnis macht, ist wohl sein unbezwinglicher unterton von trauer. Es zeigt einen menschen, der -- selbst
wenn er weiss, dass er für eine gerechte sache kämpft und selbst, wenn er das sehr gut tut: Lönnqvist wurde vielfach ausgezeichnet -- niemals aufhört, sich angesichts des krieges unglücklich und niedergeschmettert zu fühlen.
In dem neu herausgekommenen roman »Der Winterkrieg« schildert auch Antti Tuuri den krieg von unten. Er kann vielleicht als proletarierroman beschrieben werden, der
uniform angezogen hat und schützengrabenepik wurde. Der ich-erzähler ist ein mann, der zusammen mit seinem bruder auf einem der exponiertesten abschnitte auf der Karelischen Landzunge landet, Taipale. Dort steigen sie hinab geradewegs in eine perfekte hölle, von dem düsteren zuschnitt, wie sie nur der moderne industrialisierte krieg hervorzubringen in der lage ist.
Was bei Taipale geschah, ist so etwas wie ein sinnbild dieses ganzen scheusslichen krieges. Schlecht ausgerüstete finnische soldaten hielten dort stand gegen überlegene russische kräfte in einem komplett grotesken kräftemessen zwischen mensch und materie; in zerwühlten schützengräben kauernd, ganz betäubt von müdigkeit und kälte, wurden sie attackiert von panzern, bombern und dem zermalmenden stahlorkan der russischen artillerie, tag für tag, woche für woche.
Diesen schwarzen abgrund des krieges schildert Tuuri mit einer verbissenen wut und in einer suggestiv wortkargen prosa. Wie da, als er das russische sturmfeuer beschreibt: »Es fühlte sich an, als ob der himmel auf uns herabstürzte, alle seine planeten und fixsterne und der schutt, der am himmel fliegt. Anders kann ich es nicht richtig beschreiben: die erde verwandelte sich, schwankte und schien dann in den fallenden himmel zu stürzen, und wir befanden uns mittendrin, auf einem stürmischen meer und der sturm war hart.« Er macht das, was geschah begreiflich -- soweit man das überhaupt begreiflich machen kann -- ohne zu vereinfachen oder zu heroisieren, der winterkrieg der mythen wird inkarniert in ganz gewöhnlichen menschen. Ich kann nicht anders, als dieses irritierende, erschütternde buch zu empfehlen.
Tuuris buch baut auf kriegstagebüchern und interviews mit diversen augenzeugen auf und entleiht etliches von seiner betäubenden kraft von diesem authentischen material. Es sollte nicht in erster linie mit Linnas »Unbekannter Soldat« verglichen werden -- dafür sind die zeichnungen der personen doch zu dünn. Das buch ist eher als eine grossartige literarische collage zu sehen, im stil entfernt verwandt mit Paavo Rintalas meisterwerk »Die Stimmen der Soldaten« von 1967, aber mit einem fiktiven ich-erzähler, der das ganze zusammenbindet. (Im unterschied zu Rintala versucht Tuuri dem leser auch ein übergreifendes -- und ganz korrektes -- bild vom ablauf der ereignisse zu geben. Das ist gut so. Der schritt hinüber zur reinen geschichte ist von diesem punkt aus recht kurz.)
Dieser Krieg sollte wie bekannt 105 tag dauern. Die sowjetische kriegsmaschine mit all ihren schönen panzern, bombenflugzeugen und artilleriegeschützen fuhr sich fest.
Die genuine dickschädligkeit, die nur von einem gefühl totaler militärischer überlegenheit kommt, brachte die sowjetischen generäle dazu, ihre leute wie dicht gedrängtes schlachtvieh gegen die finnischen maschinengewehre zu schicken. (Ihre klugheit wurde erst recht nicht durch den anblick von väterchen Stalins ausgestrecktem zeigefinger und einen im hintergrund aufscheinenden GULAG-archipel angeregt.) Zum schluss waren die Finnen jedoch schlicht und einfach durch erschöpfung gezwungen, nachzugeben und der März-Frieden mit seinen umfassenden finnischen landabtretungen kam zustande. Für Stalin jedoch war der Winterkrieg eine politische enttäuschung, ein millitärischer fehlschlag und eine moralische niederlage.
Jetzt, im nachhinein, erscheint der Winterkrieg als ein moralisches geschehen -- er erinnert damit nicht wenig an den Vietnamkrieg. Er zeigt nämlich, dass selbst ein kleines volk sich gegen die übergriffe einer grossmacht wehren kann. Das rettet unseren glauben an den menschen, der heimgesucht wird von allen hochtechnologischen perversitäten, die sich die verdrehten hirne der waffenindustrie ausdenken können, aber aushält und sogar manchmal siegt.
- Die bücher sind:
- Martin Lönnqvist: "Så gick det till - en frontmans dagbok 1939-1944." Holger Schildts.
- Antti Tuuri: "Vinterkriget", övers. Bengt Pohjanen, Norstedts, 234 s.
Fussnote: Der klappentext zu Tuuris buch enthält etliche ungereimtheiten. Unter anderem wird dort behauptet, dass »der Winterkrieg kaum literarisch behandelt
wurde«, was unsinn ist. was ist denn zum beispiel zu sagen über Viljo Sarajas »De friköpta landet« [Das freigekaufte Land], Gunnar Johanssons »Vi
vill inte dö« [Wir wollen nicht sterben], Erkki Palolampis »Kollaafronten håller« [Die Kollaafront hält], Peter Nissers »Blod och
snö« [Blut und Schnee] und Peder Sjögrens »Kärlekens bröd« [Das Brot der Liebe]?